Benno Kuppler SJ Berlin

Gemeinschaft heute ...

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Dr. Benno Kuppler

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"Gemeinschaft heute: Verbindlich in einer unverbindlichen Welt." Festcommersrede beim 117. Stiftungsfest e.v. VKDSt Hasso-Rhenania im CV zu Gießen am 17. Juni 2000 P. Dr. Benno Kuppler SJ [Cpf, Ae]

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Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Farbenbrüder, liebe Cartell- und Bundesbrüder, Hohe Chargen der Hasso-Rhenania,

eine Stiftungsfestcommersrede soll's werden. Es soll festlich agiert werden. Den Rahmen bietet das Bürgerhaus von Gießen-Wieseck. Also, eine bürgerliche Feier? Oder eine Feier von Bürgern? Wieso dann der Titel des Stiftungsfestes „Lasst ihr buntbemützten Scharen ..."? Sind Bürger buntbemützt und mit welchen Scharen rechnen die Hohen Chargen? Oder doch: Verbindung als Ausstellungsstück im Bürgerhaus: buntbemützt bekleidet. Ist das die „Gemeinschaft heute", die Ihr zu Eurem Semesterthema gemacht habt? „Gemeinschaft heute: Lasst ihr buntbemützten Scharen".

Ich habe für meine Rede zum Stiftungsfestcommers Euer Semesterthema „Gemeinschaft heute" aufgegriffen und erweitert um den Zusatz „Verbindlich in einer unverbindlichen Welt".

Verbindlich in einer unverbindlichen Welt. Ver-bind-ung. Ver-bind-lich. Un-ver-bind-lich. Gleichsam eine Alliteration, eine Andeutung an Dichtung. Dichtung und Wahrheit? Oder nur Glasperlenspiel? Oder gar l'art pour l'art?

Zu einem geistigen Spaziergang möchte ich Euch einladen bei diesem Stiftungsfestcommers. Ihr dürft getrost auf Euren Sitzen bleiben, Euch aber geistig auf den Weg machen.

Wir werden zunächst einmal Station machen bei der Sprachgeschichte. Mein Thema bietet einige museale Begriffe, Begriffe also, die in Lexika zu finden sind, den Museen der Wissenschaft. Nur einige, wenige Hinweise!

Im DWB [Lexikon der deutschen Sprache ab 1852, Neuauflage seit 1965] der Brüder Grimm finden sich die Stichworte "verbindlich" [Sp. 121-122] und "Verbindung" [Sp. 123-125]. Das LThK [Lexikon für Theologie und Kirche, 19642, 9. Band, Sp. 1118-1121] bietet das Stichwort "Studentenvereinigungen". Das RGG [Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 19623, 6. Band, Sp. 426-430] nennt als Stichwort "Studentenverbände". Und die Brockhaus Enzyklopädie [199419, 23. Band, S. 129] verweist unter „Verbindung, 6] Studentenwesen" auf studentische Verbindungen.

Nähern wir uns also den einzelnen Begriffen. Ganz behutsam, auch neugierig, vielleicht mit einigem Vorverständnis, offen dafür Altes in neuem Gewande zu entdecken.

Verbindlich:

bulletIn Redewendungen finden wir noch heute den Begriff "verbindlich". Er war "in der Form verbindlich, in der Sache hart", sagen wir. Und was meinen wir dann? Meistens haben wir dann nichts erreicht in Verhandlungen. Der Partner hatte gute Umgangsformen, war vielleicht sogar als Mensch sympathisch, aber bei den Inhalten war es schwer, eine Übereinstimmung zu erzielen.
bulletWir haben eine "verbindliche Absprache" mit jemandem getroffen. "Verbindlich" meint dann einen gegenseitigen Verpflichtungsgrad, der juridisch sogar einklagbar sein kann.
bulletJemand nennt einen Menschen einen "verbindlichen Typen", einen Menschen, einen Partner, eine Partnerin, auf die ich mich verlassen kann.
bullet"Verbindlich" ist als Adjektiv oder Adverb erst seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in der deutschen Sprache nachgewiesen. "Verbindlich" ersetzte die lateinischen Begriffe "obligatorius" und "consociabilis".

Unverbindlich:

bulletDa die deutsche Sprache mit der Vorsilbe "un" eine Negation ausdrückt, ergibt sich der Sinn von "unverbindlich" gleichsam von alleine. Ein "unverbindliches Angebot" ist dann freibleibend für beide Seiten. Und ein "unverbindlicher Besuch" stellt meistens nur eine Belästigung dar, weil durch die Aussage klar gemacht wird, dass der Besucher keine Verbindlichkeit will. Oft aber will er mir bei einem "unverbindlichen Besuch" dann etwas "verbindlich" andrehen.

Welt:

bulletDie eine Welt, in der wir leben, haben wir inzwischen geviertelt. Wir sprechen von der Ersten Welt, um uns abzugrenzen gegen andere Länder. Die Zweite Welt waren die Staaten des Sozialismus, denen die öffentliche Meinung inzwischen die "Qualitäten" der Dritten Welt zuspricht. Und wenn ich sozial sehr sensibel bin, kenne ich auch die Vierte Welt, die Armut im eigenen Land. Nicht zu vergessen aber auch "meine" Welt, jenes gedankliche Konstrukt, das ich als Korsett brauche, weil die Eine Welt so groß und voller Probleme ist, dass ich meine überschaubare Welt brauche, um nicht zu verzweifeln. Die elektronischen Medien führen uns in eine "virtuelle Welt", wo zwischen Sein und Schein nicht mehr zu unterscheiden ist.

Verbindung:

bulletWas "Verbindung" bedeutet, sollte ich beim Stiftungsfestcommers der Hasso-Rhenania nicht sagen müssen. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass "Verbindung" sprachlich umfassender ist und nicht so eindeutig, wie wir dies als Korporationsstudenten unbedacht meinen.
bulletDer neue Brockhaus nennt sechs unterschiedliche Bedeutungen von "Verbindung", während die Brüder Grimm im DWB [Deutsches Wörterbuch] noch mit fünf Bedeutungsgruppen des Wortes "Verbindung" auskamen. Sie zitieren Christoph Martin Wieland [1733-1813] aus Biberach/Riss: Ich will sprechen "von jener zeit, wo dem rector der universität ... feierlich gelobt werden muszte 'in keine verbindung zu treten' und gerade doch der lebenslauf eines richtigen studenten damit anfing, dasz er schon an demselben abend in eine verbindung trat".
bulletOb die Gründer Eurer Hasso-Rhenania im Jahre 1883 und bei der Wiederbegründung 1948, als ich selbst das Licht der Welt erblickte, auch eine Archäologie des Wortes "Verbindung" betrieben haben, ehe sie sich ans Werk der "Verbindung" machten, muss ich als Nicht-Historiker offen lassen. Mancher spannende Gedanke zur Wiederbegründung der Hasso-Rhenania findet jedenfalls sich in Euer Festschrift zum 50. Geburtstag aus dem Jahre 1998.

Gehen wir statt dessen eine Station weiter.

Lassen wir die musealen, lexikalen Aspekte des Themas im Hintergrund, um auszuschreiten und anzukommen, nein, besser zu verweilen, einen Augenblick lang, im Jetzt, das es nur gibt als jenen Moment zwischen dem Gestern und Morgen.

Ver-bind-ung. Ver-bind-lich. Un-ver-bind-lich. Verbindlich in einer unverbindlichen Welt. 117 Jahre Katholische Deutsche Studentenverbindung Hasso-Rhenania im CV zu Gießen.

Da sitzen wir nun und zelebrieren einen Festcommers zum 117. Geburtstag.

Der als Festredner engagierte Cartellbruder sucht nach den Worten, den Stich-Worten, die stechen, und den Reiz-Worten, die reizen; nach verbindlichen Worten, die nicht unverbindliche Wörter sein sollen, sondern das Verbindliche aus der Welt des Unverbindlichen ans Licht, besser ans Ohr, ja eigentlich ins Herz der Anwesenden bringen, den Mitgliedern der Hasso-Rhenania und ihren verehrten Gästen, kurz: nach Worten, die bewegen.

Wie verbindlich ist der Stiftungsfestcommers der Verbindung, wenn der Titel meiner Commersrede von einer "unverbindlichen Welt" redet, deren Teil wir als verbindliche Verbindung doch sind oder zumindest zu sein vorgeben?

Ein Stichwort, das mich reizt, ein Reizwort, das mich sticht, ist die "Postmoderne", in der zu leben uns viele zeitgenössische Denker verschreiben. Die Moderne ist vorbei, insinuiert der Begriff der Postmoderne, jene Moderne, die, als überholt hinter uns zu lassen, uns denkerisch empfohlen wird. Wir singen Commerslieder, die den Aufschrei nach Freiheit für Akademiker und Bürger besingen, denen die vormoderne, von der Landwirtschaft zur industrialisierten Gesellschaft sich mutierende Umwelt ihren gewohnten Lebensraum streitig macht. Und wir goutieren heute diese Lieder als "postmoderne" Menschen in der "postindustriellen" Gesellschaft, als Aktive und junge Alte Herren, die nur die fünfzig Jahre Freiheitsgeschichte in Deutschland kennen. Museale Garnierung eines Stiftungsfestcommerses. Die Geschichte aber geht weiter: mit uns oder ohne uns!

Ich spreche lieber von einer "unverbindlichen Welt", statt die „Postmoderne" zu beschwören, weil unsere Gesellschaft keinen sensus comune mehr hat, keine gemeinsame, verbindende und verbindliche Grundlage, kein Koordinatensystem, das eindeutige Orientierung bietet. Das sage ich ohne Larmoyanz, senza lamento, ohne moralisches Jammern oder gar moralisierende Verurteilung. Denn wir haben zumindest ein Grundgesetz, die FDGO, wie es in den 68-iger Jahren eher abfällig hieß: die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Unsere "unverbindliche Welt" bietet eine Fülle an Wertorientierungen, an Sinndeutungen an. Unsere Welt ist "unverbindlich", weil sie mich und Dich nicht verbindlich auf eine Weltsicht, eine Weltanschauung, eine Ideologie festlegt.

Damit sichert unsere unverbindliche Welt meine und Deine Freiheit.

Sie lässt mir Raum, mein Leben nach Kriterien zu gestalten, die mir nicht von außen gesetzt werden. Ich muss mich positiv für sie entscheiden. Es gibt keine geschlossenen Milieus mehr, die mich tragen, die mir Orientierung bieten und zugleich durch soziale Kontrolle, mich in ihren Rahmen zwingen. Auch keine katholischen Milieus.

Freiheit aber verunsichert.

Freiheit macht Angst, besser kann Angst machen. Ich muss mich binden, muss einen für mich verbindlichen Lebensentwurf finden, muss Verbindungen eingehen, von denen ich nicht weiß, ob sie tragen, ob sie halten, was sie vorgeben. Das Scheitern meines Lebensentwurfes wird nicht mehr von einem sozialen Geflecht an verbindlichen Beziehungen aufgefangen. Das erlebt jeder von Euch im Freundeskreis, in der Ehe, in der Politik, ja selbst in der Kirche. Freiheit schließt die Möglichkeit des Scheiterns in sich.

Und Scheitern erfordert neue Orientierung, stellt eine Anfrage an meinen bisherigen Lebensentwurf dar, ist Chance und Aufgabe zugleich.

Weil Scheitern oft nur als Versagen gewertet wird, schielen viele Menschen, auch Christen, nach fundamentalistischen Ideen und Gruppen. Sie vermitteln ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, um den Preis der Freiheit und der Toleranz. Die Erfahrung von nicht eingestandenem Scheitern verstärkt die Suche nach einem geistigen oder geistlichen Korsett, dass stützt und in Form hält. Das kann dann jene kleine eigene Welt sein, von der ich eingangs sprach. Das können auch unsere Verbindungen sein. Alles hat darin seine Ordnung und seinen Platz, und es gibt soziale Sanktionen, wenn ich in recht verstandener und verantworteter Freiheit Menschen, Ereignissen und Ideen einen neuen, einen anderen Platz in meinem Leben zuweisen will.

Verbindlich aber wird mein Leben nur dann, wenn ich mich zu einem Lebensentwurf entschieden habe und mich auf den Weg mache, diesen zu verwirklichen, ihm Gestalt zu geben, ihn inkarnatorisch in die "unverbindliche Welt" zu tragen.

Das aber schaffe ich selten alleine. Ich brauche Gesinnungsgenossen.

Nur in einer sozialen Vernetzung kann ich wirkungsvoll einen gültigen, einen verbindlichen Lebensentwurf in einer pluralen und pluralistischen Gesellschaft leben. Dabei werde ich auf Menschen treffen, die gleiche oder ähnliche Ziele verfolgen, obwohl sie einer anderen Grundorientierung folgen, sich verbindlich für ein anderes Werte- und Deutemodell der Gesellschaft entschieden haben.

Diese soziale Vernetzung ist keine Erfindung der Gegenwart, wenn auch der Begriff heute in Mode ist. Der Sache nach ist es auch das Anliegen der Verbindungen. Diese verstehen sich, so das LThK als "Lebensbünde, in denen sich Studenten ... zur Verwirklichung eines bestimmten akadem. Erziehungs- u. Bildungsideals sowie sozialer, rel., polit. u.ä. Aufgaben zusammengeschlossen haben u. die sich in 'Altherrenverbänden' ... fortsetzen" [Sp. 1118]. Und wir sind katholische Verbindungen. Zugegeben, mit dem Katholischen tun wir uns [meist] schwer.

Denn die Kirche scheint in einer tiefen Krisis zu stecken.

Daraus folgern nicht wenige, auch unter den CV-ern: Der Glaube gebe keine Orientierung mehr. Die gesellschaftliche Stellung der Kirche als Sinngebungsinstanz ist aber in Frage gestellt. Menschen, die wie ich ein Amt in der Kirche haben, geben oft Anlass zum Ärgernis. Damit ist aber "religio" als Prinzip und als Lebensgrundlage nicht bedeutungslos geworden. Die Freiheit des Einzelnen, sich in unserer "unverbindlichen Welt" nach „eigenem Gutdünken" Lebensentwürfe zu schaffen, ist eine Herausforderung an die Kirche, die immer auch Gemeinschaft von Sündern ist. Nur wenn jeder von uns sich als verbindliches Glied dieser Kirche verbindlich engagiert, ist Glaube, ist "religio" mehr als ein Prinzip, das ich als Banner vor mir hertrage. "Religio" ist kein Etikett, sondern sollte Lebensgrundlage sein. Was meine ich damit?

Damit komme ich zur dritten und letzten Station unseres geistigen Spazierganges.

Verbindlich in einer unverbindlichen Welt. 117 Jahre VKDSt Hasso-Rhenania im CV zu Gießen. Der Augenblick, das Jetzt dieses Stiftungsfestcommerses, soll uns den Blick auf das Morgen, die Zukunft, lenken.

Der Glaube an Jesus Christus kann auf Dauer als Grund-Lage unseres Lebens nur tragen, wenn er Gestalt annimmt, wenn er verwirklicht wird in unserem Handeln. In Eurem Semesterprogramm habe ich das Zitat gefunden: „Die Zukunft erkennt man nicht, man schafft sie." [Stanislaw Brozowski]. Obwohl sich jeder einzelne im Alltag in unterschiedlichen Rollen und Funktionen erfährt, lebt er ein einziges Leben. Unser Glaube, der christliche Glaube, bietet uns die Möglichkeit, uns als ganze Menschen zu erfahren und scheinbar disparate Lebens- und Arbeitsbereiche miteinander zu versöhnen.

Unser Glaube lehrt uns als Wahrheit:

Gott ist sich nicht zu schade gewesen, in Jesus Christus Mensch zu werden und alle menschlichen Begrenztheiten mit uns zu teilen und uns durch den Tod seines Sohnes mit sich zu versöhnen. Im Heiligen Geist hat er uns einen Beistand gesandt, der uns in der nachösterlichen Zeit begleitet. In dieser Zeit leben wir jetzt, nicht nur liturgisch!

Diese theologische Wahrheit gilt es in unserem Leben auszubuchstabieren. Hier muss jeder von uns sich als "verbindlicher Typ" bewähren. Ich kann als Anregung nur einige Fragen stellen, als Anstoß zum eigenen Suchen, weil jeder das für ihn Verbindliche in einer unverbindlichen Welt selbst zu bestimmen hat.

bulletWo teile ich mein Leben mit anderen? Wo teile ich anderen mein Leben mit?
bulletSehe ich im anderen, im Du, nur jemanden, der mir nutzt oder nutzen kann?
bulletAls Aktiver im Studium, bei Prüfungen?
bulletAls Alter Herr im beruflichen Erfolg, bei geschäftlichen Beziehungen?
bulletWie selbstlos sind meine zwischenmenschlichen Beziehungen?
bulletSehe ich die Not anderer Menschen, nicht nur ihre materielle, sondern auch ihre seelisch-geistliche, auch wenn diese nicht offen zu Markte getragen wird?
bulletKann ich mir von anderen helfen lassen, wenn diese mich in Not erfahren?
bulletIst die bundesbrüderliche Gemeinschaft nur ein soziales Netz für mich? Was tue ich, damit dieses soziale Netz nicht reißt?
bulletSpreche ich über meinen Glauben und mögliche Zweifel mit anderen?
bulletWie sieht meine Beziehung zur Kirche aus? Sehe ich in der Kirche nur ein Service-Angebot?
bulletWenn ich die Kirche kritisiere, was trage ich dazu bei, sie zu ändern?

Außer diesen und vielen möglichen anderen Fragen biete ich verbindlich, weil selbst zu einer CV-Verbindung gehörend, an: Machen wir uns miteinander auf den Weg.

Versuchen wir Schritte, unseren Glauben im Leben auszubuchstabieren.

Das ist in der Vergangenheit auch schon geschehen. Es gibt und gab in der Hasso-Rhenania und anderen CV-Verbindungen immer wieder einzelne, die Initiativen ergreifen, miteinander bewusst den Glauben zu leben und anderen ein Zeugnis des Glaubens anzubieten. Manches geschah auch auf Anregung von Priestern aus unseren Verbindungen, in Eurer Chronik habe ich auch Namen von Mitbrüdern gefunden, die als Studentenpfarrer in Gießen gewirkt haben. Sich miteinander auf den Weg machen, in der Verbindung und als Verbindung, ist Verwirklichung von "religio" als Prinzip und als Lebensgrundlage, macht die Verbindung verbindlich in einer unverbindlichen Welt. Ich weiß dazu keine Patentrezepte und wäre skeptisch, wenn ein anderer mir solche anböte.

Einige Schritte aber meine ich benennen zu können, wie wir als CV-Verbindung verbindlich werden können.

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Ein erster Schritt ist die Selbstvergewisserung.

Mit zunehmendem Alter werden Menschen vergesslich, vor allem was das Kurzzeitgedächtnis angeht. Warum sollte es Eurer KDStV Hasso-Rhenania im CV zu Gießen im hoch-biblischen Alter von 117 Jahren anders ergehen?

Die Aktivitas ist das Kurzzeitgedächtnis der Verbindung. Alte Herren sind eher das Langzeitgedächtnis der vergoldeten Erinnerungen einer Verbindung, vor allem wenn die Herren alt sind. Zwischen den Aktiven und den alten Alten Herren lebt meine Generation, die Eures Philisterseniors: die sogenannten 68-iger, ohne vergoldete Erinnerungen als Langzeitgedächtnis und ohne gründliches Wissen um das Kurzzeitgedächtnis der Verbindung. Die Selbstvergewisserung geht uns alle an, als Einzelne, als Leibfamilien in der Verbindung und als Verbindung insgesamt.

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An die alten Alten Herren!

Erzählt uns, wie ihr in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verbindlich Kirche gelebt habt! Teilt mit uns eure Erfahrung, wie "katholisch", wie "religio" in jenen Jahren in eurem Leben und dem der Verbindung buchstabiert wurde! Lasst uns wissen, warum mancher von euch die Kirche, die doch auf den Felsen Petrus gegründet ist, nicht mehr versteht oder sogar seinen Glauben, der schwankt wie das Schiff Petri im Seesturm!

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An die Aktiven!

Fragt uns Alte Herren, warum wir einmal verbindlich in eine katholische Verbindung eingetreten sind! Ladet uns ein, nicht nur zu den Kneipen, sondern zu jenen Gesprächen, in denen ihr nach eurem Weg sucht! Lasst uns teilhaben an euren Anfragen an Kirche und Glauben, vielleicht entdeckt ihr dann, dass auch Alte Herren noch offene Fragen kennen und dass wir nicht nur Antworten auf Fragen haben, die ihr nicht gestellt habt! Stellt die Prinzipien, auch "religio" in Frage, um sie so erst zu euren Prinzipien werden zu lassen!

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An die mittelalterlichen Alten Herren!

Könnt ihr euch noch erinnern, warum ihr damals, ebenso wie ich, in eine katholische Verbindung eingetreten seid? Könnt ihr euch noch an Spannungen in der Verbindung, im Verhältnis zwischen Studentengemeinde und Studentenverbindung erinnern, wenn es um "religio" ging? Könnt ihr euch noch an eine spannende Verbindung erinnern? Gibt es für euch überhaupt noch Fragen, die spannend sind, außerhalb eures Berufes? Und wenn es im Beruf keine Fragen mehr gibt, was bleibt dann noch?

Selbstvergewisserung sollte uns alle und die Verbindung dazu führen, uns für die nächsten Jahre und Jahrzehnte als katholische Studentenverbindung neu wahrzunehmen und inhaltlich zu bereichern: verbindlich zu werden in einer unverbindlichen Welt.

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Ein zweiter Schritt ist die Selbstvergewisserung jedes einzelnen Hasso-Rhenanen auf seine eigene Verbindlichkeit.

Nicht nur die äußeren Formen, die Rituale der Verbindung, der Comment sind wichtig, sondern deren Inhalte, auch im Vollzug des Glaubens. Jeder von uns hat Erfahrungen mit unserer Kirche gemacht, in der Studentengemeinde, in Pfarreien, in der Diözese, im Orden, mit konkreten Amtsträgern in der Kirche und mit kirchlichen Einrichtungen. Nur ein geklärtes, vielleicht unter Schmerzen geläutertes Verhältnis des Einzelnen zur Kirche, auch in ihrer sozialen Gestalt, kann uns zu einer Standortbestimmung helfen in unserer unverbindlichen Welt.

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Ein dritter Schritt ist in Gemeinschaft gelebter Glaube.

Formeln und Formen tragen den Einzelnen und die Verbindung nur noch, wenn diese von innen her gefüllt, lebendig sind. Unsere Gesellschaft bietet eine unüberschaubare Menge von Sinnangeboten: unverbindlich. Formalismus und Traditionalismus verlieren da an Anziehung, wenn sie als hohl, als unverbindlich erfahren werden.

Vielen von uns fällt es nicht leicht, den Glauben in Gemeinschaft zu leben. Zulange haben wir uns einer privaten Frömmigkeit hingegeben, weil der Glaube öffentlich nicht in Frage gestellt war. Wir müssen miteinander lernen, unseren Glauben öffentlich zu leben.

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Wie könnte das für uns aussehen?

Da kann für die Aktiven das Verhältnis zwischen Studentengemeinde und Studentenverbindung anregend werden. Viele Studenten in Hochschulgemeinden bekennen ihren Glauben in Wort und Tat. Der Glaube gewinnt hier wieder öffentliche Bedeutung, nicht nur in der Eucharistiefeier. Es ist, auch für mich, nicht immer einfach auszuhalten, wenn andere Menschen scheinbar naiv über ihr Gottesverhältnis, über ihre Erfahrungen aus dem Glauben sprechen, mit großem Ernst und zugleich mit befreiender Heiterkeit. Und doch brauchen wir zum Wachstum unseres Glaubens dieses verbindliche Gespräch.

Aber auch unter Alten Herren kenne ich viele, die einen überzeugenden persönlichen erwachsenen reifen Glauben haben und diesen auch in gesellschaftlichem Engagement zum Ausdruck bringen.

Vielleicht müssen wir neu lernen, unseren Glauben miteinander und untereinander ins Gespräch zu bringen. Großen Mutes bedarf es ohne Zweifel, einen ersten Schritt zu machen.

Es könnte so spannend, anregend in den kommenden Jahren in unseren CV-Verbindungen werden, wenn wir als verbindlich in einer unverbindlichen Welt erkennbar Farbe bekennen.

Mein geistig-geistlicher Spaziergang ist zu Ende. Entspannt Euch, holt Luft und sprecht miteinander darüber, jetzt oder morgen oder übermorgen.

Ad multos annos Hasso-Rhenania. Dixit.

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