Benno Kuppler SJ Berlin

Katholische Soziallehre im gesellschaftlichen Wandel

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Dr. Benno Kuppler

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KATHOLISCHE SOZIALLEHRE IM GESELLSCHAFTLICHEN WANDEL

Festvortrag anlässlich der VERLEIHUNG DES RERUM NOVARUM-PREISES der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke [AKSB] am 24. 11. 1988 im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen P. Dr. Benno Kuppler SJ

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"Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut." [Gen 1, 31] Wenig später schon müssen wir im Buch Genesis dann lesen: "Da reute es Jahwe, dass er die Menschen auf der Erde gemacht hatte." [Gen 6, 6] Es folgt dann die Geschichte der Sintflut und des Bundes mit Noach. Die Arche wird zum Symbol des Überlebens. Es gibt einen Neuanfang für den Menschen und die Schöpfung.

Der Urzustand, das Paradies, währte nur kurze Zeit. Die Freiheit des Menschen scheint ihn zu überfordern. Der Mensch zerbricht an ihr und findet sich entfremdet wieder. Die Integrität des Menschen ist verloren. Der Mensch erfährt sich als Mann und Frau, als Sohn und Tochter, als Bauer und Viehzüchter, als Nomade und Sesshafter. Das Leben ist zergliedert und der Mensch hat unterschiedliche Rollen übernommen. Die paradiesische Einheit gibt es nicht mehr.

Der gesellschaftliche Wandel, so wie wir ihn in vielen alttestamentlichen Texten erzählt bekommen, führte offensichtlich an die Grenzen des Verderbens.

Worin bestand der gesellschaftliche Wandel: Die Menschen begannen ihre Fähigkeiten zu entfalten, eiferten miteinander und missgönnten einander Erfolge. Die paradiesische Solidarität war zu Ende. Die Freiheit des Menschen stellte ihn vor die Entscheidung von Gut und Böse. Biblisch spiegelt sich das in der Geschichte vom Sündenfall, von Kain und Abel, von Noach und der Sintflut.

Die theologische Deutung damals war eindeutig: Der Mensch hat sich in seiner Freiheit gegen den Auftrag Gottes gestellt, die Erde verantwortlich mitzugestalten. Die Folgen werden als Strafen Gottes beschrieben, deren Ziel es ist, den Menschen zum Umdenken und zur Umkehr aufzufordern: So nicht, Mensch! Denk daran, Du bist mein Mitschöpfer! Überlege Dir, wie Du die Welt umgestalten kannst, damit ich wieder sagen kann: Es war alles sehr gut! Ich, Dein Gott, traue Dir zu, dass zu die Welt neu gestalten kannst. Denn Du trägst mein Abbild.

Auch in unseren Tagen fühlen sich Menschen von den gesellschaftlichen Herausforderungen der modernen Industriewelt bedroht. Echte und falsche Propheten zeichnen Katastrophenszenarien und malen eine schwarze Zukunft. Sie warnen vor den Grenzen des Wachstums. Der technische Fortschritt zerstöre unseren Planeten.

Die Freiheit des Menschen ist heute eingefordert, wie damals im Alten Testament. Die Freiheit des Menschen, seine Fähigkeiten, immer neue Gebiete unseres Lebens zu erforschen und weiterzuentwickeln, bestimmen nicht nur die Beziehungen zwischen den einzelnen Personen, sondern auch zwischen den Völkern und Nationen.

Aber es scheint kaum einen Menschen zu geben, der noch den Durchblick und den Überblick über die komplexen Zusammenhänge unseres Lebens hat. Der einzelne Mensch fühlt sich bedroht und ohnmächtig zugleich.

Was liegt da näher, als sich nach einer Arche umzuschauen?

Einen sicheren Ort zu finden, um sich auf der Flut der Zerstörung und der Vernichtung dahintreiben zu lassen? Das scheint doch auch biblisch gerechtfertigt! Der gerechte Noach zog mit seiner Frau, seinen Söhnen und deren Frauen und einem Pärchen jeder Tiergattung in die Arche. Gott schloss hinter ihm die Tür der Arche. Und dann wartete Noach in der Sicherheit der Arche ab, bis die Sintflut vorbei war.

Sind unsere Bildungshäuser in der AKSB nicht solche Archen?

Viele Menschen kommen zu uns, weil sie sich in der Welt bedroht fühlen.

Die Wirtschaft wird als bedrohend empfunden: Wer kann heute noch seines Arbeitsplatzes sicher sein? Wer beeinflusst die Entscheidungen großer internationaler Konzerne? Ist das Kapital nicht ein "heimatloser Geselle", der dem je größeren Profit in der ganzen Welt nachläuft?

Die Politik wird als unmoralisch empfunden: Haben da nicht ausschließlich kaltblütige Machtmenschen das Sagen? Ist nicht jede Partei nur darauf aus, an die Schalthebel der politischen Macht zu kommen? Darf ein Politiker noch sagen, was er denkt?

Die Kirche wird ebenfalls zwiespältig empfunden: Warum soll ich in die Kirche gehen, wenn ich meinen Glauben an Gott auch so leben kann? Ist die Kirche nicht auch nur an Macht interessiert? Was hat die Kirche zu den brennenden Fragen der Menschen überhaupt noch zu sagen?

Da suchen viele Menschen ihre Archen:

Orte, an denen man sich nicht bedroht fühlt. Orte, die einem das Gefühl von Geborgenheit und Schutz bieten. Orte, an denen ich die Bedrohung der Welt nicht mehr empfinde. Orte, an denen ich auf den Wogen des Untergangs sicher dahin treibe. Orte, an denen sich Gleichgesinnte, Bedrohte und Ohnmächtige, treffen.

Sind unsere Bildungshäuser in der AKSB nicht solche Archen?

Und heute verleiht diese Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke zum ersten Mal ihren Rerum Novarum-Preis an einen jungen Journalisten, Herrn Johannes M. Werres. Ihm ist es gelungen, in seinem Artikel "Entscheiden zugunsten der Menschen. Erfahrungen christlicher Lokalpolitiker" das Gedankengut der katholischen Soziallehre aufzugreifen und zu vermitteln, so heißt es in der Preisverleihung.

Sind Presse, Rundfunk und Fernsehen heute die Vermittler der katholischen Soziallehre, weil die katholisch-sozialen Bildungswerke als "Archen auf der Flut der Vernichtung" nur noch heimelige, gemütliche Nester bieten? Weil die katholisch-sozialen Bildungshäuser das Bedürfnis nach Behausung erfüllen? Weil die katholisch-soziale Bildung keinen Markt hat in der Wirtschaft, in der Politik und in der Kirche?

Der Begriff "katholische Soziallehre" wird als gewichtiges Schlag-Wort gebraucht:

In der Wirtschaft, von Unternehmern und Gewerkschaftern, um auf den ethischen Aspekt wirtschaftlichen Handeln zu verweisen.

In der Politik, von vielen Politikern, um ihre Nähe zu Wertvorstellungen der christlichen Kirchen zu bekunden.

In der Kirche, von Bischöfen, Priestern und Laien, um die Offenheit der Kirche gegenüber den sozialen Herausforderungen der Welt zu dokumentieren.

Wie aber steht es um die Verwirklichung der katholischen Soziallehre?

Das Programm der katholischen Soziallehre von "Rerum novarum", der ersten päpstlichen Sozialenzyklika aus dem Jahr 1891, bis zur jüngsten Sozialenzyklika "Sollicitudo rei socialis" aus dem Jahr 1987, von der Würzburger Synode 1975 über die lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Puebla und Medellin bis zum Wirtschaftshirtenbrief der US-amerikanischen Bischöfe, das Programm der katholischen Soziallehre lautet:

"Entscheiden zugunsten der Menschen"

Die Gestaltung unserer Gesellschaft, die Gestaltung der internationalen Beziehungen unserer Welt haben Maß zu nehmen am Menschen. "Entscheiden zugunsten der Menschen" gibt die Grundlage allen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Handelns ab. Der Mensch ist als Abbild Gottes schöpferisch an der Gestaltung der Welt zu beteiligen.

Lassen Sie mich einige Herausforderungen formulieren:

Eine erste Herausforderung der katholischen Soziallehre:

Nehmt den Menschen in seiner Ganzheit ernst! Spaltet den Menschen nicht in Sektoren, die wirtschaftlich oder politisch oder kirchlich genutzt oder verwertet werden!

Katholisch-soziale Bildungsarbeit hat deshalb den Menschen in seiner Ganzheit in den Blick zu nehmen. Unsere Bildungsarbeit hat sich an "Kopf und Herz" der Menschen zu richten. Wenn Menschen unsere Bildungshäuser als Arche verstehen, so sollen wir die Menschen befähigen und ermutigen: Macht des dem Noach nach! Öffnet das Verdeck der Arche und orientiert euch neu!

Unsere Aufgabe ist es, den Menschen die größeren Zusammenhänge durchschaubarer und verständlicher zu machen. Einzelerfahrungen der Menschen müssen vermittelt werden in ein Gesamtbild von Gesellschaft und Welt.

Eine zweite Herausforderung der katholischen Soziallehre:

Nehmt den Menschen in seiner Gespaltenheit ernst! Helft den Menschen seine Integrität wieder zu finden und zu erfahren!

Katholisch-soziale Bildungsarbeit hat deshalb den Menschen in seiner Gespaltenheit in den Blick zu nehmen. Unsere Bildungsarbeit hat den Menschen zu befähigen und zu ermutigen, seine Zerrissenheit anzusehen, zu analysieren und nach Lösungen zu suchen. Versöhnung der unterschiedlichen Sektoren menschlicher Erfahrung ist möglich.

Unsere Aufgabe ist es, die konkrete Lebenssituation der Menschen zu verstehen und ernstzunehmen: Die Welt der Arbeit. Die Welt der Arbeitslosigkeit. Die Herausforderungen an die Familie und die Alleinerziehenden. Die vielfältigen Spaltungen und Zerrissenheiten, in denen und mit denen Menschen leben.

Eine dritte Herausforderung der katholischen Soziallehre:

Lasst die Kirche Kirche sein!

Erwachsenen- und Jugendbildner in der katholisch-sozialen Bildungsarbeit haben Betroffenheitskompetenz in der Begegnung mit den Menschen zu besitzen. Heinrich Pesch, der Jesuit und Nationalökonom, dessen Name dieses katholisch-soziale Bildungshaus trägt, drückte es so aus: "Der Nationalökonom hat es ja nicht nur mit der Güterproduktion, mit Wohlstand und Reichtum zu tun. Er muss auch ein richtiges Verständnis für Armut, muss Liebe zu den Notleidenden haben."

Unsere Aufgabe ist es, sich am guten Samariter zu orientieren: die Not von Menschen zu sehen und sich betreffen zu lassen.

Eine vierte Herausforderung der katholischen Soziallehre:

Lasst die Welt Welt sein!

Erwachsenen- und Jugendbildner in der katholisch-sozialen Bildungsarbeit haben Sachkompetenz in den Fragen der Welt zu besitzen. Wir müssen darum wissen, wie die Arche unserer Bildungswerke gebaut sein muss, um auf den Fluten zu treiben. Zugleich müssen wir die Zeichen der Welt deuten können, die auf neues Leben hinweisen. Wir müssen mithelfen, dass die Menschen die Herausforderungen unserer Tage nicht mit der Flucht ins Private beantworten.

Unsere Aufgabe ist es, gleich dem guten Samariter, erste Hilfe nach unseren Fähigkeiten zu leisten. In einem weiteren Schritt dann haben wir nach besseren Lösungen für die Notlage zu suchen. Das schließt dann konkrete Aktionen nicht aus, die von der Hilfe zur Selbsthilfe führen.

Die Sachfragen werden der katholischen Soziallehre, den katholisch-sozialen Bildungswerken und den Erwachsenen- und Jugendbildner von der Welt vorgegeben. Die Sachfragen ergeben sich aus gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen in der Welt.

Ein Blick auf Überschriften überregionaler Tageszeitungen vom vergangenen Wochenende nennt uns einige aktuelle Themen:

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In der Wirtschaft:

Spaß an der Arbeit motiviert wie mehr Geld. Trotz Wachstum bleibt die Arbeitslosigkeit hoch. Manager kaufen ihr Unternehmen. Wachstum in alle Ewigkeit? Ökologie und Politik. Weltweit steigt der Wachstumspfad an. Einkommen der Bauern drastisch gesunken. Müllabfuhr wird teurer. Wo Geld und Natur sich gut miteinander vertragen. Aufwertung der Hausarbeit. Die "Fünf Weisen" sehen nicht schwarz. Kartellamt erlaubt Übernahme von Klöckner. Die staatliche Strukturpolitik im Ruhrgebiet hat versagt. Jede sechste Kündigung alkoholbedingt. Das letzte Warnstreikurteil aus Kassel. Der Dollar bedarf weiter der Stützung. Notenbank hieven den Dollar wieder auf 1,74 DM. Ausländer decken sich mit Aktien ein. Umweltbelastung der Chemie sinkt unter Druck.

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In der Politik:

Rita Süssmuth wird Bundestagspräsidentin. Wagner soll Vogels Nachfolger werden. Bibelzitat für Ignaz Kiechle: Gib dem Volk Vorsteher [Ex 18, 13-27]. Kohl: Vorrang für den Umweltschutz. Parteien schon am Hungertuch. Steuerzahlerbund rügt Parteienfinanzierung. SPD schlägt weltweiten "Klima-Pakt" vor. Hochverrat an der Apartheid. Kabinett bleibt bei Höhe der Länder-Strukturhilfe. EG tut sich schwer mit Anerkennung Palästinas. Eine Gesundheitsreform, die psychisch Kranke fürchten müssen. Verfassungsrang für Atomwaffen-Verzicht.

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Daneben wird es immer wieder neu um die klassischen Bereiche unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gehen: Arbeit und Eigentum, gerechter Lohn, Mitbestimmung und Vermögensbeteiligung, Koalitionsfreiheit der Sozialpartner und Sozialpolitik, Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Sozialismus und Liberalismus, Familie und Gesellschaft, Kirche und Staat.

Aber die Begegnung mit der Welt rückt, wie wir gesehen haben, auch neue Themen in den Blick: Umwelt, Energie, Frieden, Gen-Technik, die Umgestaltung unserer Arbeits- und Wirtschaftsgesellschaft, die internationalen Beziehungen.

Lösungen für die Herausforderungen sind nicht gleich Rezepten in den Dokumenten der katholischen Soziallehre zu finden. Dort findet sich das Grundsätzliche zu den Fragen unserer Tage. Was gefordert wird, ist eine neue und umfassende Solidarität: zwischen der Ersten Welt, der Zweiten Welt, der Dritten Welt und der Vierten Welt. Denn wir leben nur in EINER WELT.

Die Lösungen werden nur in dieser einen Welt gefunden: im streitbaren Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen, mit allen politischen Parteien, mit den christlichen Kirchen und mit allen Menschen guten Willens. Berührängste müssen wir für diese Begegnungen aber abbauen. Jeder kennt da sicherlich seine eigenen Feindbilder.

Die katholisch-sozialen Bildungswerke sind geeignete Gesprächsforen:

bulletOrte des Zuhörens und Nachdenkens, um die Herausforderungen der Gegenwart wahrzunehmen.
bulletOrte der Begegnung von Menschen guten Willens, die miteinander um die bessere Lösung streiten.
bulletOrte des Geistes, der durch sein Wehen die Fluten der Bedrohung trocknet.
bulletSo können die katholisch-sozialen Bildungshäuser auch die Türen der Archen wieder öffnen:
bulletgegenüber der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft.
bulletMenschen werden hier ermutigt und befähigt, zu entscheiden zugunsten der Menschen.

Die Kirche in der Welt von heute ist dann präsent in den katholisch-sozialen Bildungswerken mit ihrem Anspruch:

"Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten jeder Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände." [GS 1]

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