Benno Kuppler SJ Berlin

Kunst & Religion

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Dr. Benno Kuppler

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Über das Verhältnis von Kunst und Religion Gedanken zum musischen Abend der KDStV Aenania im CV in der Klosterkirche St. Bonifaz zu München am 19. Juli 1977 von Benno Kuppler SJ [Cpf, Ae]

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Es gibt Dome, Klosteranlagen, Kruzifixe, Altarbilder, Kirchenmusik, Statuen. Was gibt es denn dann noch über das Verhältnis von Kunst und Religion, von Religion und Kunst zu sagen? Hat sich Euch nicht auch diese Frage aufgedrängt, als Ihr dieses Thema auf der Einladung zum „Musischen Abend bei Aenania" gelesen hattet? Als Bernhard Brugger mich fragte, ob ich nicht zu diesem Thema einige Gedanken vortragen wollte, da Pater Quirin OSB verhindert sei, willigte ich ein, ohne zu ahnen, auf was ich mich eingelassen hatte. Bei einem Gang durch unsere Bücherei musste ich nämlich sehr bald feststellen, dass das Verhältnis von Kunst und Religion bei weitem nicht so eindeutig ist, wie es mir eingangs erschienen war.

So will ich Euch heute Abend keine angeschlossene Analyse vorlegen, sondern will Schlaglichter aufleuchten lassen, manches Schlaglicht möglicherweise zu grell, blendend, ein anderes alles in sanfte Harmonie tauchend.

Drei große Komplexe will ich streifen, in Ecken leuchten, die uns scheinbar vertraut sind und doch - plötzlich ins Licht gerückt - so anders ausschauen, als wir dachten.

Einheit von Kunst und Religion.

Da wollen wir anfangen zu fragen. Stichworte, die das Feld abstecken:

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Kult Liturgie Fest.

Spannung von Kunst und Religion.

Da wollen wir suchen nach Gründen. Stichworte:

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Dekalog im Alten Testament, Neues Testament Weltlichkeit der Kunst.

Heute: Religion und Kunst. Da wollen wir uns fragen lassen, herausfordern lassen von Kunst. Aber: da wollen wir auch Antworten versuchen als Glaubende. Denn Kunst und Religion können nicht unvereinbar sein, wenn Kunst und Religion einmal Einheit waren.

Machen wir die erste Beleuchtungseinstellung: Kunst und Religion als Einheit.

Die ursprüngliche Einheit besaßen Kunst und Religion im Kult, als der wichtigsten religiösen Ausdrucksform. Die Feier des Heiles und die Verehrung des Heiligen fanden im Kult ihren Höhepunkt. Dieser war nicht Ausdruck einer reinen Innerlichkeit, die der Einzelne vollzieht, sondern der Kult ist wesenhaft gemeinschaftliches, gemeinsames Fest und heiliges Spiel in einem.

Was aber ist das Eigentümliche eines Festes, dass wir sogar unsere Zeiteinteilung nach Festen vornehmen?

Die Grunderfahrung des Menschen, als arbeitender, als schaffender Mensch ist: geteilt sein, innerlich getrennt sein und vereinzelt sein. Das Sehnen, sich zu sammeln, aus der Vereinzelung heraus sich zu versammeln, zweck-los, sinn-los als Erfahrung von Freiheit, das alles führt uns dazu, Feste zu feiern.

Feste feiern ist eine Kunst.

Jeder, der einmal ein Fest vorzubereiten hatte, weiß dies. Denn ein Fest ist eine Darstellungsform, in der es Sammlung und Versammlung, in der Gemeinschaft ist und doch zugleich auch entsteht. Und deshalb ist ein Fest ein Kunstwerk: Es ist da und muß dennoch vollzogen werden. Ich kann an ihm teilnehmen: das erfordert Vollzug. Oder ich nehme nicht teil: dann schließe ich mich vom Fest aus, vereinzele und vereinsame.

Doch auch die äußeren Formen prägen ein Fest: es gibt einen Festsaal, eine Festzeit, die Festrede und das festliche Schweigen, das nicht mit Redeverbot zu verwechseln ist, sondern Ehrfurcht vor dem Wort darstellt. Und das ist es auch, was uns im Kult, in der Liturgie begegnet: Freiheit und gebundene Regelhaftigkeit! Diese innere Spannung charakterisiert die Gestaltung der Liturgie.

Romano Guardini beschreibt Liturgie so:

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„Vor Gott ein Spiel treiben, ein Werk der Kunst - nicht zu schaffen, sondern zu sehen, das ist das innerste Wesen der Liturgie. Daher auch die erhabene Mischung aus tiefem Ernst und göttlicher Heiterkeit in ihr."

Und Dietrich Bonhoeffer meint: Diese christliche Heiterkeit ist kein verfügbarer Dauerzustand, sondern ein unvorhersehbares Glück, nämlich das Geschenk, dass der Buße, der Umkehr zu Gott, dem Vertrauen auf seine Zusagen zuteil wird, während die „tristitia", das Kleben an der Tragik und Sentimentalität des eigenen Ich, die Lieblingssünde der Hochstehenden und Hochmütigen ist.

Wenn einzig das Leben in der Gehaltenheit, wie es im Glauben und Hoffen auf Christus aufgetan ist, die echte, ernstheitere Mitte zwischen Weltgier und Weltflüchtigkeit stiftet, dann hat gegenwärtig niemand so unbedingt wie der Christ den göttlich gewährten Spielraum freizuhalten.

So verstanden ist es richtig, begrüßenswert, dass wir uns in einem Kloster über Kunst und Religion unterhalten und an der Klosterorgel Kunst schaffen: Erleben wir doch „vollendete Musik, wenn die Daseinsganzheit im Grunde hell durchsichtig wird und deren Tiefe aufstrahlt." [Karl Barth]

Recht verstanden, müssten wir deshalb der Liturgie in unserem Lebensraum einen zentralen Platz einräumen, erfahren wir doch uns in ihr auch in unserer Daseinsganzheit vor Gott, nicht vereinzelt, sondern gesammelt und versammelt. Als Gottes Ebenbild. Als Werk seiner Hände.

Damit schwenken wir unseren Scheinwerfer auf das Alte und Neue Testament.

Im Buch Exodus, 20. Kapitel, lesen wir:

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„Du sollst Dir kein Schnitzbild machen, noch irgendein Abbild von dem, was im Himmel oben oder auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen, denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott." [Ex 20,4ff]

Und ebenso wird in der religiösen Poesie der Psalmen mit leidenschaftlichem Spott gegen die Idole der Nachbarvölker gebetet:

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„Die Götzen der Heiden sind Silber und Gold, Gebilde von Menschenhand. Sie haben einen Mund und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht - kein Odem ist in ihrem Mund. Wie sie sollen ihre Bilder werden, jeder, der auf sie vertraut." [Ps 133,15ff]

Aus diesem Text wird die „Bild"-losigkeit der Juden, aber auch des Islam verständlich. Aber dennoch gibt es religiöse Kunst: Die Gestaltung und Ausgestaltung des Tempels ist Zeugnis höchster Kunstfertigkeit. Im Buch Exodus heißt es dazu:

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„Die Kunstsachverständigen unter den Arbeitern verfertigten die Wohnstätte aus zehn Zelttüchern ... als Kunstgewerbearbeit machten sie es ... er machte einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur, karmesinfarbenem Stoff und gezwirnten Byssus, er machte ihn in Kunstwebearbeit, mit Kerubimfiguren ... Er machte den Leuchter aus purem Gold. Der Leuchter, sein Gestell und sein Schaft, seine Kelche und Knospen und Blüten waren aus einem Stück getrieben ... Aus violettem und rotem Purpur und karmesinfarbenem Stoff wirkten sie die Gewänder für den Dienst im Heiligtum ... sie bearbeiteten die in Goldfassungen eingesetzten Karneolsteine und schnitten nach Siegelart die Namen der Söhne Israels ein... Sie machten eine Blume, das heilige Diadem, aus purem Gold und brachten darauf die Inschrift nach Art der Siegelgravierung an: Heilig dem Herrn! ... So wurde das ganze Werk für die Wohnstätte des Offenbarungzeltes vollendet." [Ex 36,8 - 39,32]

Das Neue Testament macht keine Angaben über Kunst. Aber es macht etwas anderes, was für die Kunst von großer Bedeutung ist: Es überwindet den Gegensatz zwischen Sakral und Profan in der Person Christi.

Yves Congar OP fasst den Befund des NT mit den Worten zusammen:

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"Jesus hat auf seine Person das alte Privileg des Tempels übertragen: der Ort zu sein, an dem man die Gegenwart und das Heil Gottes finden kann, der Ausgangspunkt, von dem aus sich alle Heiligkeit mitteilt."

Deshalb wurde auch die Christusdarstellung im Bild möglich. Denn die Verehrung gilt nicht dem Abbild, sondern dem Urbild Christus selbst. Besondere Ausgestaltung findet diese Kunst der Christus- und Gottes-Darstellung in der Ikonenmalerei der Ostkirche. Dort tritt der Liturgie gleichsam aus dem „Gottesbild", aus der Ikonostase, heraus bei der Feier der Liturgie.

Machen wir einen großen Einschnitt: wenden wir uns nicht der Romanik, der Gotik, dem Barock, der Renaissance zu, sondern richten wir

unseren letzten Scheinwerfer auf das Heute von Kunst und Religion.

Wenn Religion die „Grundfähigkeit, ja, die Notwendigkeit des Menschen" ist, „seine unmittelbare Situation zu transzendieren und umfassende Sinnwelten zu konstruieren" [Manfred Luckmann], müssen wir fragen, ob die Kunst dazu einen Beitrag leistet. Alle Kunst war zu Beginn „sakral", war eine Kunst des Ewigen, versuchte zu transzendieren. Doch im 19. und 20. Jahrhundert scheint eine Spannung bis zum Zerbersten anzuwachsen:

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Kunst stellt sich auf sich allein, versteht sich als autonome Weltgestaltung, die nur noch ihren formalen Gesetzlichkeiten untersteht. Die Kunst steht nicht mehr in Diensten der Religion, ist nicht mehr Ausdrucksform für religiöse Wahrheiten.

Damit ist aber nicht gesagt, dass auch in der Gegenwart nicht Künstler Werke schaffen, die etwas mit Religion zu tun haben, dass das Schaffen der Künstler nicht eine Suche nach letzten Dingen, nach Sinn des Lebens ist.

„Die von allen erlebte und erlittene Wirklichkeit" [Albert Camus] ist Gegenstand heutiger Kunst. Damit zieht es den künstlerischen Eros in die gleiche Richtung, in die der Glaube treibt: Beiden, dem Künstler und dem Christen, ist zur Stunde alles gelegen an der Annahme der Wirklichkeit, so, wie sie nun einmal ist. Beide, Glaube und Kunst, stehen heute in einem neuen Weltbezug.

Die Theologie versucht, das Geheimnis der Inkarnation, der Menschwerdung, und dessen Implikationen neu zu entfalten. Darüber gibt es trotz anderer Meinungsverschiedenheiten zwischen den Konfessionen keinen Streit, dass der Glaubende jetzt und in Zukunft sich intensiver, rückhaltloser in die konkrete Situation einlassen muß, dass er nicht nur verbaliter, sondern in der Tat, ganz und gar Gottes Sein für unsere Welt bezeugen muß. Wenn Gott in Christus in unserer Wirklichkeit heimisch geworden ist, dann ist auch dem Glaubenden die alltägliche Welt und nichts sonst als Lebensbereich zugewiesen.

Die neue Kunst - in Literatur, Musik und Malerei - ist ein mühsames Suchen, ein Wagen des Unvorhersehbaren. Selbstzeugnisse der Künstler können dies belegen.

Auch der christliche Glaube ist, wenn er echt ist, immer ein Wagnis. Der experimentelle Charakter der künstlerischen Moderne erscheint vielen von uns- mich eingeschlossen - oft schauderhaft, unverständlich, nichtssagend, vielleicht auch deshalb, weil wir uns selbst nicht mehr aufs Spiel setzen und in Wagnisse begeben wollen. Jenes Leiden an der Wahrheit [Gottfried Benn], an der ausbleibenden Gerechtigkeit [Bert Brecht], an der absentia Dei [Thomas Beckett] und an der Schuld [Albert Camus] sehen wir jedenfalls selten so ausdrücklich innerhalb der Kirche, vor allem nicht in der unmittelbaren, persönlichen Betroffenheit jedes Einzelnen von uns.

Antworten auf die Herausforderung der suchenden Kunst, der Künstler, die ungetröstet in Gottesfinsternis verharren, müssten eigentlich wir geben:

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dadurch, dass wir unser eigenes Suchen nach Gott nicht auf halbem Wege abbrechen, dass wir uns Sehnsucht bewahren, um an den Leiden der Welt mitzuleiden und nicht im unbefriedigender Sattheit zu ersticken.

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Das müssten wir eigentlich können, weil wir uns ja als Glaubende verstehen.

Wie kommen nun Kunst und Religion, der Künstler und der Christ, wir und die Kunst zusammen: wir, die wir uns für Glaubende halten., und die Künstler, die Suchende sind?

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Indem wir mehr aus der Hoffnung auf Gottes befreiendes Ja leben, aus der Gewissheit, dass trotz der Wirklichkeit unserer Welt, die wir als eine unheile erfahren, Gott kommt und uns Menschen nicht in uns selbst verkommen lässt.

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Indem wir mehr in der Kunst zu lesen suchen, welche Fragen unsere Gesellschaft, unsere Wirklichkeit auch uns stellt, und Antworten aus unserem Glauben versuchen.

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Indem wir Antworten in der Kunst suchen auf unsere eigenen Fragen.

bulletIndem wir in der Beschäftigung mit Kunst erfahren, dass Kunst eine innere Vollkommenheit, eine klare Tiefe hat, die für unser eigenes Streben Vorbild und Leitbild sein kann.

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