Benno Kuppler SJ Berlin

Student und Hochschule

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Dr. Benno Kuppler

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STUDENT UND HOCHSCHULE Die Aufgaben des Verbindungsstudenten an der Hochschule Rede beim Kommers der Arbeitsgemeinschaft Mannheimer Korporationen an der Universität Mannheim [WH] am 8. Mai 1974 cand. rer. oec. Benno Kuppler KDStV Churpfalz im CV

Siehe dazu auch meinen Leserbrief Ist Politik an der Hochschule etwa nur Nebensache?
in "DIE ZEIT" 04.05.1973 Nr. 19 ZEIT ONLINE

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Student und Hochschule, so lautet das Thema, das mir die Arbeitsgemeinschaft Mannheimer Korporationen für den heutigen Abend gestellt hat. Als Untertitel, aber wesentlichen Bestandteil des Themas sei hinzugefügt: die Aufgaben des Verbindungsstudenten an der Hochschule.

Student und Hochschule als Thema einer Rede anlässlich eines Kommerses könnte als Besinnungsaufsatz, als Beitrag zur Nostalgiewelle verstanden werden. Doch weit gefehlt!

Sie als unsere Gäste, seien Sie nun Kommilitonen, Professoren, Mitglieder der Universität Mannheim oder einfach Mitbürger, Sie sollten meine Ausführungen als einen Beitrag zur Diskussion des Selbstverständnisses studentischer Korporationen verstehen. Denn Verbindungsleben darf und kann sich nicht im Ghetto abspielen, weil wir als Lebensgemeinschaften keine Vereine zur Vernichtung des Alkohols darstellen, sondern unsere Zielsetzungen geistigen und geschichtlichen Quellen entspringen, die uns eine Verpflichtung auch gegenüber der Gesellschaft bedeuten. Dies scheint uns oftmals nur sehr schwer möglich, denn viele Vor-Urteile gegen Verbindungen finden in unserer eigenen Weltflucht ihre Begründung.

Daraus ergibt sich für mich - und dies sei den Farbenbrüdern in der Verbindungen, gleichgültig ob Sie Alte Herren oder aktive Studierende sind, deutlich gesagt - daraus ergibt sich für mich die Pflicht, meine Rede als Herausforderung an uns alle, nicht in der Anonymität der Gemeinschaften, sondern an jeden einzelnen von uns, Sie und mich zu verstehen. Sicherlich, die Arbeitsgemeinschaft Mannheimer Korporationen lädt heute zu diesem Kommers ein. Und wenn dann zwei Vertreter für die Verbindungen aus der Sicht als Alter Herr oder als Studierender - wie ich - zu sprechen haben, so wäre es wahrlich verwunderlich, wenn eine Rede ungeteilte Zustimmung erführe. Denn nur dann, wenn wir auch in unseren eigenen Reihen uns kritisch mit unseren Situation auseinandersetzen, haben wir eine Chance, unserer Aufgabe in Hochschule und Gesellschaft verantwortlich gerecht zu werden.

Student und Hochschule können nicht nur aus ihrem geschichtlichen Werden heraus beurteilt werden, sondern müssen entscheidend von unseren Anforderungen an die Universität von heute und morgen bestimmt werden.

Die Universitäten sind in einem tiefen Wandel begriffen. Studienzeiten, Lehrinhalte, Lernziele sollten unseren Anforderungen gerecht werden. Die Hochschulgesetzgebung ist noch in der Diskussion, dennoch aber stehen die gesetzgebenden Maßnahmen drohend vor uns. Das Interesse der Öffentlichkeit den Hochschulen gegenüber wird durch teilweise unverantwortliche Berichterstattung geweckt, ohne die Bevölkerung gleichzeitig mit den vielschichtigen Problemen der Universität und ihrer Mitglieder vertraut zu machen. Für uns als Student - aber auch für die Schüler, die zu den Universitäten streben - stellen sich grundlegende Fragen:

bulletWelche Studienfächer soll man studieren?
bulletIst das Studienziel eigentlich klar?
bulletWie sieht der Studienaufbau aus, um die angestrebten Ziele zu verwirklichen?
bulletWie verhält es sich mit den Funktionen von Professoren und anderen Lehrenden?
bulletStudentische Selbstverwaltung, was soll denn das?

Der Katalog könnte beliebig erweitert und vertieft werden. Versuchen wir, einzelnen Fragestellungen einmal nachzugehen.

Bereits mit den Gedanken über mögliche Studienfächer - und somit wage Studienziele - beginnt die Erfahrung, dass die Vielfalt des Angebotes an Studienkombinationen durch - wie es vordergründig zu sein scheint - sachfremde Zwänge auf eine geringe Zahl von Möglichkeiten eingegrenzt wird. Das Reizwort, das Schüler, Eltern und Lehrer schreckt und manchen Plan zunichte werden lässt, heißt NC.

NC steht für Zulassungsstopp, beschränkte Zulassungsquoten, Zufälle, Unmöglichkeiten und vieles mehr.

Spätestens jetzt beginnt der Student - nein der Studierwillige zu spüren, dass die "Akademische Freiheit", die "aura academica" ambivalent ist. Freiheit hat der einzelne, in die Universität einzutreten, doch dann hört die Freiheit auf, wird zur Flucht. Denn die Vermassung und der Erfolgszwang bewirken das Ihrige. Das einzige, das jetzt noch klar bestimmt zu sein scheint, ist der angestrebte akademische Abschluss. Den hat jeder vielleicht noch frei bestimmt. Der Weg dorthin aber ist nicht mehr die "alte Burschenherrlichkeit", die Freiheit des Lernens, sondern eine Zwangsläufigkeit mit grauenerregenden Mechanismen von Zwischenprüfungen, Teilexamina, Tests, die darin enden, dass jeder einzelne verdammt ist, Erfolg zu beweisen. Nicht Leistung, nein, nur der Erfolg zählt.

Sie werden einwenden, dies sei gut so: auch im Beruf zähle der Erfolg, Sie hätten auch erfolgreich Ihr Studium abgeschlossen.

Richtig! Entgegne ich. Doch nur solange ist das richtig, als jeder einzelne entscheiden kann, welchen Erfolg er erzielen will. Denn dann, wenn nur noch der Erfolg zählt, sollten wir nicht mehr von einer Leistungsgesellschaft sprechen, weil nicht jeder Erfolg eine Leistung voraussetzt.

An unseren Universitäten mangelt es aber dazu an klar definierten Lehr- und Lernziele, und die Freiheit der Lehre führt dann dazu, dass ohne Rücksicht auf die Interessenlage der Studenten Lehrveranstaltungen angeboten werden. Die Jagd nach "guten" Noten, die bereits das Dasein der letzten Oberstufenklassen nachhaltig beeinflusst hat und einen Konkurrenzkampf unter den Schülern begünstigte, wird von den ersten Studiensemestern weiter betrieben. Denn innerhalb der Universität hat sich ein "interner Numerus Clausus" ausgebreitet, der den Zugang zu Seminaren, Übungen und Examensarbeiten regelt. So wird aus der Konkurrenzsituation der Student untereinander zugleich eine Isolation. Die Folgen sind psychische Krisen, in denen als Ursache meistens Kontaktschwierigkeiten diagnostiziert werden. Prüfungsordnungen wie die Sukzessivprüfung unterstützen diese Tendenzen. Aber auch die Förderung nach BAFÖG ist durch die geplante Änderung schuld an manchem abgebrochenen Studium. Denn wer Prämien für verkürzte Semesterzahlen bis zum Studienabschluss aussetzt, ohne die Studieninhalte vorher angemessen reformiert zu haben, handelt gegenüber der Studentenschaft unverantwortlich.

Neben der finanziellen Abhängigkeit und den unzureichenden Bestimmungen des Bafög kommen weitere Erschwernisse hinzu, die als "sozialer Numerus Clausus" zu bezeichnen sind. So etwa die Wohnraumnot für Studenten, mangelnde Krankenversicherungsmaßnahmen, katastrophale Verhältnisse in den Mensen.

Die Studenten scheinen ihrem Studienschicksal wehrlos aus geliefert. Sind sie es aber wirklich?

Die Frage dürfte eigentlich so nicht gestellt werden! Denn mit den Gebühren des Semesters zahlt jeder Student einen Pflichtbeitrag an den ASTA. Und hinter dem Wort AStA steht der Allgemeine Studentenausschuss, die verfasste Studentenschaft. Spätestens hier müssen dann auch die studentischen Korporationen ins Spiel gebracht werden - entscheidend deshalb, weil sie sich nicht selbst ans Spiel bringen wollen oder können.

Was soll das Wortspiel, werden Sie zu Recht fragen. Meine Antwort:

Jeder einzelne Student ist zwar verpflichtet, die verfasste Studentenschaft als die gewählte Interessenvertretung mit Beiträgen zu unterstützen, er ist aber nicht verpflichtet, seine demokratischen Rechte bei Wahlen aktiv zu nutzen. Und darin liegt das Dilemma unserer Situation als Studenten begraben, aber auch ein Teil der Krise in unseren Universitäten.

Die Zahl der Studenten, die aktiv ihre Rechte bei den Wahlen der studentischen Vertreter nutzen, ist so gering, dass kleine Gruppe große Chancen haben, Mandate der Studentenschaft zu gewinnen. Gar das Recht wahrzunehmen, als Kandidat einer Gruppe selbst Interessenvertreter der Studenten zu werden, grenzt in den Augen der meisten Studenten an Schwachsinn.

Wo sind also die "grauen Mäuse", die "schweigenden Mehrheiten" innerhalb der Studentenschaft? Warum engagieren sich nur so wenige?

Diese Frage richten wir an uns als Korporierte, als Mitglieder der Verbindungen, die ihre Entstehung meist dem Umstand zu verdanken haben, dass eine gesellschaftliche Situation gerade das Bekenntnis des angehenden Akademikers, den offensiven Einsatz für Werte und Normen forderte. Es würde den Rahmen meiner Rede sprengen, wollte ich jetzt die Motive der Gründung der unterschiedlichen Verbände darlegen. Eines aber sei mit aller Deutlichkeit gesagt:

Unsere Enthaltsamkeit als Verbindungen bei gesellschaftlichen, auch die Hochschule betreffenden Fragen entspricht nicht der Verantwortung, die wir aufgrund unserer Hochschulausbildung zu übernehmen verpflichtet wären. Vor allem sollten wir sehen, dass der gesellschaftliche Raum für uns als Korporierte nicht nur unsere Verbindungshäuser sein können. Unsere Dachverbände haben hier oftmals Vorstöße unternommen, nicht immer mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl, zugegeben. Wir an der Basis der Universität sollten aber mehr Solidarität zeigen.

Im Klartext: Jeder einzelne Farbenbrüder muss sich verantwortlich wissen um die Geschicke unserer Universität und die Aufgaben der studentischen Interessenvertretung.

Sicherlich werde ich jetzt gefragt, wie das durchgeführt werden soll. Nichts leichter als dieses:

Wir müssen zunächst innerhalb der Universität als Mitglieder studentischer Verbindungen wieder zu erkennen sein, wir müssen Farbe bekennen!

Denn aufgrund dieser Herausforderung wird man uns nach unseren Beiträgen für die Universität fragen. Und diesen Beitrag hat jeder einzelne Korporierte nach seinen Fähigkeiten zu leisten: im Studentenparlament, in Fachschaften, in Leitungsgremien der Universität, in studentischen Vollversammlungen, in jeder Lehrveranstaltung. Wer aber glaubt, er habe für diese oder jene Form keine Qualifikation, der sollte zumindest jene mit seiner moralischen Unterstützung versehen, die bereit sind, unsere Interessen innerhalb der Universität wahrzunehmen. Zumindest im persönlichen Gespräch mit Kommilitonen sollte er sich um Zustimmung und Unterstützung für unsere Interessenvertreter bemühen.

Unsere Beiträge müssen konstruktiv sein. Wir müssen deutlich machen, wo wir die Aufgaben der Universität sehen. Dazu gehört auch die sachbezogene Kritik am Missbrauch des Begriffes "Freiheit". Denn Freiheit von Forschung, Lehre und Lernen darf sich nicht nach DM-Beträgen ausrichten, sondern muss auch in ihrer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber ihren Ausdruck finden. Lassen Sie mich nur einige Begriffe aufzählen, die diese Diskussion bestimmen: die Höhe der Lehrverpflichtungen der Professoren, die Auftragsforschung und Gutachtertätigkeit für außeruniversitäre Bereiche zu Lasten der Lehrtätigkeit, die Stellung der Assistenten, die mangelnde Abstimmung der Lehrangebote auf die Bedürfnisse der Studentenschaft.

Deshalb muss unser Beitrag konstruktiv sein; denn nicht die Zerstörung der Universität darf unser Ziel sein, sondern der Aufbau eines neuen Vertrauensverhältnisses zwischen den Gruppen der Universität. Gemeinsam müssen Ziele bestimmt werden, auf die eine Erneuerung der Universität hin ausgerichtet sein muss. Dass dabei Konflikte entstehen, darf uns nicht irritieren, sind wir doch gewohnt, auf unseren Conventen, den Mitgliederversammlungen, auch innerhalb unserer Verbindungen Konflikte auszutragen.

Gerade unsere Farbenbrüder innerhalb der Gruppe der Professoren und der Assistenten sollten jetzt auch dann Farbe bekennen. Sie müssten unsere ersten Ansprechpartner innerhalb der Universität sein. Doch leider erleben wir da herbe Enttäuschungen. Als Argument wird dann gerne die Rücksichtnahme auf die exponierte Stellung vorgeschoben. Gerade aber diese Stellung sollte es Ihnen ermöglichen, den Dialog mit uns den Studierenden zu beginnen.

Doch auch außerhalb der institutionalisierten Studentenvertretung gilt es Farbe zu bekennen. Hier seien insbesondere die Lehrveranstaltungen angeführt. Wir sollten bei Lehrveranstaltungen mehr als bisher um Mitarbeit bemüht sein. Auch dies müsste uns eine selbstverständliche Pflicht aus unserer Stellung als Korporationsstudenten sein. Denn gerade in den ersten Semestern muss der Grundstock gelegt werden für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Lehrangebot. Die Rolle des Konsumenten legt man sonst auch in späteren Semestern nur sehr schwer oder gar nicht mehr ab. Durch die intensivere Mitarbeit könnten wir auch den Lehrenden dokumentieren, ob ihre Veranstaltungen unseren Erwartungen und Bedürfnissen entsprechen. Der Konflikt über Lehr- und Lernziele brauchte dann nicht nur theoretisch ausgetragen werden, sondern erführe bereits in der Praxis Lösungsansätze.

Versuchen wir ein Fazit zu ziehen:

bulletDie Zugehörigkeit zu einer Verbindung sollt jeden Studenten verpflichten, in der Universität, aber auch innerhalb der Gesellschaft Farbe zu bekennen.
bulletDie Verbindungen sind keine hochschulpolitische Gruppen, aber ihre Mitglieder, wir als Korporierte, tragen Verantwortung für die Universität und unsere Kommilitonen. Diese Verpflichtung begründet sich in unseren Zielsetzungen, einen selbstverantwortlichen Beitrag innerhalb der Gesellschaft zu leisten. Die Universität bildet für die Studierenden den Rahmen.
bulletDie Zusammenarbeit der Korporationen an der Universität Mannheim muss eine Zielsetzung erhalten, die nicht von einer momentanen Situationsanalyse, sondern langfristig konzipiert sein muss.
bulletDie Verbindungen haben als Verbände das selbstgewählte "Ghetto" zu verlassen. Nur so können wir bestehende Vor-Urteile abbauen.
bulletDie Bitte an Sie, unsere Gäste, unseren Weg kritisch zu begleiten. Denn zweifelsohne spielt die Unkenntnis über Verbindungen eine entscheidende Rolle, sollten sich Vor-Urteile gebildet haben. Auch kann die eben skizzierte Aufgabenstellung der Korporationen innerhalb der Universität nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verbindungen als Lebensgemeinschaften auch Funktionen haben, die die Öffentlichkeit nicht sofort erkennt. Gerade als Gemeinschaften übernehmen Verbindungen Dienste, die nur der zu würdigen weiß, der aus der Anonymität und Vermassung der Universität ausgebrochen ist und sich einer Verbindung angeschlossen hat.

In dem alten Liede "Gaudeamus igitur", das vor meiner Rede erklungen ist, können Sie nachlesen, welche Aufgaben sich den Verbindungen stellen. Dass das Lied aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammt, sollte uns dabei nicht stören. Deshalb mein Wunsch:

vivat academia, vivat professores, vivat et respublica et vivant, crescant et floreant activitates.

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